(Volks-)Märchen – was ist das eigentlich?*
Wir alle kennen das eine oder andere Märchen, zumindest die bekannten der Brüder Grimm. Wir wissen darum, dass mit dem bösen Wolf nicht zu scherzen ist, dass Aschenputtel einen Schuh verlor und Dornröschen hinter einer Dornenhecke schläft.
Diese Geschichten sind schon sehr lange in der Welt, jedenfalls trifft das auf die Volksmärchen zu. Seit langer Zeit faszinieren die Märchen uns Menschen. Sie wurden von Generation zu Generation weiter erzählt, haben sich in den Details bei jedem Erzählen verändert und wurden irgendwann aufgeschrieben.Volksmärchen können keinem Autor oder Autorin zugeordnet werden, sie gehören allen, die sie erzählt haben. Jedes Land, jede Bevölkerungsgruppe hat seine bzw. ihre eigenen Märchen. Und doch finden sich überall auf der Welt immer wieder Ähnlichkeiten zwischen den Märchen der einzelnen Länder und Völker.
Wir verdanken es den Menschen, die Märchen gesammelt und aufgeschrieben haben, dass wir sie heute noch kennen, da es eine Zeit gab, in der das Erzählen von Märchen fast verschwunden war. Das Aufschreiben hat die Märchen allerdings in eine feste Form gepresst und ihnen damit die Wandlung in den Details, die sie lebendig und frisch erhalten haben, genommen. Oft entsteht auch der Eindruck, dass diejenigen, die sie aufschrieben, diejenigen sind, deren Phantasie sie erschuf. Die Brüder Grimm z.B. haben die Märchen gesammelt und bearbeitet, aber nicht erfunden.
Obwohl jedes Land, jede Bevölkerungsgruppe eigene Märchen kennt, kehren Formen, Strukturen, Figuren – wenn auch in unterschiedlichen Gewändern – wieder und sind damit für uns (wieder-)erkennbar.
Märchen kommen in unterschiedlichen Formen daher.
Da sind zum Beispiel die Schwankmärchen. Ihre Helden stammen aus dem bäuerlichen oder bürgerlichen Umfeld. Es sind eher kurze unterhaltsame, gradlinige Geschichten aus dem Alltag. Typischer Weise verspotten sie – mitunter recht derb – die Reichen und Mächtigen. Oder die Alltagsrollen (von Mann und Frau, Lehrer und Schüler) werden vertauscht. Ihre Helden verfügen über Witz und Alltagsschläue. Die Armen und Schwachen erhalten Gerechtigkeit und triumphieren über die, unter denen sie sonst gelitten haben.
Schwankmärchen verbinden die Hörenden im entspannten Lachen.
Auch Weisheitsgeschichten können in märchenhafter Form daher kommen. Sie können inspiriert sein aus spirituellen Traditionen, wie dem Zen-Buddhismus oder der Sufi-Traditon. Weisheitsgeschichten sind ebenfalls kurze Geschichten, allerdings sind sie mehrdeutig, oft sogar paradox. Sie sprechen zunächst den Intellekt an und laden die Hörenden dazu ein, nachzusinnen, zu philosophieren, ihre Einstellungen zu erkunden, vielleicht zu verändern. Auch sie sind oft humorvoll, nehmen unerwartete Wendungen oder haben ein offenes Ende.
Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass Sagen, Legenden, Fabeln und Mythen Überschneidungen mit den Märchen haben. Näheres zu ihnen allen auszuführen, wäre an dieser Stelle zu viel, da es mir hier hauptsächlich um die Zaubermärchen geht.
Zum Verständnis von Zaubermärchen und ihrer symbolischen Sprache
Zaubermärchen bergen einen Schatz der reichen inneren Bilder, die das Potential haben, in den Hörenden nachzuklingen und Schlüssel für tieferes Spüren zur Verfügung zu stellen. Sie sind für mich Märchen im eigentlichen Sinne.
Wer versucht, Zaubermärchen mit dem Verstand zu erschließen, wird scheitern und die Märchen als unsinnige, mitunter recht brutale und auf veralteten Werten beruhende Geschichten abtun.
Da ist z.B. der Prinz bei Aschenputtel, der drei Nächte lang mit ihr tanzte und doch zunächst nicht erkennt, dass die beiden Schwestern nicht diejenigen sind, die er suchte. Nehme ich das als Sachbericht, so kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass der Prinz ein Problem damit hat, Gesichter zu erkennen, dass er nicht genau wahrnimmt, wer da vor ihm steht oder dass er nur einen geringen Verstand hat. Lasse ich mich aber darauf ein, dass diese Nicht-Erkennen bildlich gesprochen ist, fallen mir vielleicht Situationen aus meinem Leben ein, in denen ich selbst nicht erkannt habe, wen ich vor mir habe, weil meine Sicht auf die Person nur von dem bestimmt war, was ich mir so unbedingt wünschte. Der Prinz wünscht sich unbedingt, das Mädchen wiederzufinden, von dem er spürte, dass sie diejenige ist, mit der er sein Leben verbringen möchte. Als einzigen Anhaltspunkt für den Erfolg seiner Suche hat er den Schuh und wenn der passt, muss doch die Richtige vor ihm stehen, oder nicht? Er braucht Unterstützung, um zu erkennen. Die Täubchen am Grab von Aschenputtels Mutter machen ihn auf das Blut im Schuh und damit auf seinen Irrtum aufmerksam machen.
Überhaupt, diese seltsame Sache mit dem passenden Schuh. Nehme ich es wörtlich, dass die Schwestern sich mit dem Messer Zeh bzw. Ferse abschneiden und sich in den Schuh zwängen, der ihnen nicht passt, stelle mir womöglich den Schmerz und das Blut vor, das damit verbunden ist, dann ist diese Stelle im Märchen eine Zumutung. Prüfe ich sie auf ihre Bildhaftigkeit hin, so fällt mir vielleicht der Spruch ein: „Sich einen Schuh anziehen, der einem nicht passt.“ Mit all den Assoziationen rundherum. Wer sich einen nicht passenden Schuh anzieht, verbiegt sich, um etwas zu erreichen, das eigentlich nicht zu ihm oder ihr passt. Damit sind Opfer verbunden und Schmerzen. Vielleicht fällt uns auch hierzu eine Situation aus unserem Leben ein, in der wir unsere eigentlichen Bedürfnisse verleugnet oder uns verbogen haben, um etwas im Außen zu erlangen. Wir tun dies vielleicht, weil wir meinen, dass das Ziel, das wir erreichen möchten, uns für die Schmerzen entschädigt und merken gar nicht, wie sehr wir uns damit selbst schaden. Die Schwestern im Märchen möchten die Königswürde erlangen. Ihre Mutter will das Beste für ihre Töchter und weist sie sogar dazu an, sich selbst zu verstümmeln mit dem Hinweis darauf, dass sie als Königin nicht mehr zu Fuß gehen müssen. Diese Mutter sieht nicht, was ihre Töchter wirklich brauchen, sondern will Status und Reichtum für sie, ganz gleich zu welchen Kosten. Und die Töchter sehen keinen anderen Weg für sich, der erstrebenswert wäre, wollen gar nicht auf „eigenen Füßen stehen“, sondern als Königin gar nicht mehr zu Fuß gehen.
Natürlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten, über diese Stellen nachzudenken oder besser: ihnen nachzuspüren. Die Bilder im Märchen sind nie zu Ende ausgelotet, immer wieder können wir Neues entdecken, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen.
Der Psychoanalytiker Erich Fromm sagt, dass „Symbolsprache eine Sprache ist, in der innere Erfahrungen, Gefühle und Gedanken so ausgedrückt werden, als ob es sich um sinnliche Wahrnehmungen, um Ereignisse in der Außenwelt handelte. Es ist eine Sprache, die eine andere Logik hat als unsere Alltagssprache…“ Er leitet eine weitreichende Forderung daraus ab: „Symbolsprache halte ich für die einzige Fremdsprache, die jeder von uns lernen sollte. Wenn wir sie verstehen, (…) lernen wir die tieferen Schichten unserer eigenen Persönlichkeit kennen.“ (zitiert nach: Fromm, Erich: Märchen, Mythen, Träume, Rowohlt, Hamburg 1981, S. 14ff).
Märchen können Wegweiser sein, können aufrütteln, anrühren, packen. Sie können dazu einladen, sich mit einem Entwicklungsschritt zu beschäftigen, Mut machen, genau das innere Geschehen anzusehen, das sich gerade zeigen möchte. Wer sich die Freiheit nimmt, nachzuspüren, warum eine bestimmte Stelle in einem Märchen ihm besonders plastisch vor Augen steht, sie wütend oder traurig macht, oder einfach nur unglaublich fasziniert, kann beginnen die symbolischen Schätze für sich zu bergen. Ich habe damit vor langer Zeit angefangen und habe es als eine wertvolle Ressource für mich entdeckt. Je mehr ich mich mit der Bildsprache der Märchen beschäftige, umso mehr schätze ich sie. Manche Märchen erzähle ich schon seit über 15 Jahren, meine ihre Botschaft für mich entschlüsselt zu haben und entdecke dennoch immer wieder neue Perspektiven.
* Meine kurze Darstellung beansprucht überhaupt keine Vollständigkeit. Es gibt einen ganzen Forschungszweig, der sich mit der Entstehung, der Struktur, den verschiedenen Typen von Motiven in Märchen auf der ganzen Welt beschäftigt. Falls es mir gelingen sollte, mit diesen Zeilen ein wenig neugierig darauf zu machen, was Märchen anzubieten haben, so wäre es mir eine große Freude.

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